Die Zeit spult zurück…

Unsere anfänglichen Ueberlegungen zum Thema des Films basierten auf dem Warten. Denn wir warten so oft im Leben und es kostet uns so viel unserer (Lebens-)Zeit. Zugleich ist Warten stets mit etwas Aufreibendem, etwas Unangenehmen, oder auch Aufregendem verbunden. Wir haben uns deshalb gefragt, wie fühlen wir uns während wir warten? Welche Gedanken beschäftigen uns dabei? Welche Emotionen werden in diesen erzwungenen Zeitabschnitten aufgewühlt?

Gedanken zum Warten:

Warteschleife – Einsamkeit, Sehnen, Suchen, Warten… wieder Einsamkeit, alles wiederholt sich ständig. Mal intensiver, mal abgeschwächt, mal häufiger, dann wieder seltener. Aber irgendwann sind die Gefühle wieder da. Mal kommen sie schleichend, mal überfallen sie einen so schlagartig, dass einem der Boden vollkommen entgleitet. Wie damit umgehen, wie die Gefühle wieder in ihre Schranken weisen, damit es weiter gehen kann. Zumindest so lange, bis die Warteschleife wieder an diesem einen Punkt angelangt, wo alles von Vorne losgeht. Zermürbend so eine Warteschleife, ihr Ende ist ungewiss, man ist zu Passivität verdonnert. Eigentlich ein Alptraum. Wann endet das Warten? Und was kommt dann?!

Während wir uns mit dem Thema des Wartens beschäftigt haben, haben wir festgestellt, dass mit dem Warten auch häufig das Gefühl des Suchens und des Sehnens einhergeht.

Die Kombination aus Warten, Sehnen und Suchen hat uns schließlich zur ersten Konzeption des Films gebracht.

Die 1. Konzeption
* Der narrative Strang erzählt einen Tag im Leben der Protagonistin und macht deutlich, wann und warum wir im alltäglichen Leben warten und welche Gedanken uns dabei beschäftigen.
* Allgemeine Wartesituationen zeigen die Universalität des Themas und führen in die Handlung ein
* Abstrakt symbolische Bilder (als Ergänzung zur Realebene) zeigen die Protagonistin in surrealen Kontexten, die ihre Gefühlslage (fernab des oberflächlichen Anscheins) visualisieren.
* Footage-Material wird eingesetzt, um die Aengste, Träume & Gedanken der Protagonistin zu visualisieren
* Der Sprechertext ist ein Gedicht über das Warten & die Sehnsucht; er agiert überwiegend autonom, es finden jedoch auch Überschneidungen zum Bild statt.

Dieses erste Konzept des Stoffes wurde unmittelbar und vielfach umgeschrieben, umgestellt und weiterentwickelt - bis es uns schließlich zur heutigen Fassung gebracht hat. Die ersten Assoziationen zum Thema und zur visuellen Verortung bildeten dabei stets eine Art roter Faden und lassen sich immer noch im Stoff wiederfinden.

Assoziationen zum Thema

Assoziationen zur visuellen Verortung

Kopfmühlen

Auch die Gedanken zur auditiven Ebene des Films haben sich im Stoffentwicklungsprozess häufig verändert. Die Konstante in diesem Prozess war einzig das Musikdesign. Daneben bildete lange Zeit das Essay "Kopfmühlen" einen wichtigen Baustein dieser Ebene, das noch vor der Konzeption der visuellen Ebene entstanden ist. Dieses Gedicht spiegelt unsere ganz frühen Gedanken zum Thema Warten & Sehnsucht wider. Im Film gesprochen von einer männlichen Off-Stimme sollte der Text einerseits vom Bild losgelöst stehen und andererseits eine Art Gegenpol zur Protagonistin erzeugen. Obwohl wir uns letztendlich gegen diesen auditiven Strang entschieden haben, diente er uns stets als collagenartiges Gerüst unserer Gedanken zum Thema:

"Alles ist im Hier & Jetzt, das Leben, der rote Faden, die Zeit, Sie, ich.

Man wacht auf und wartet. Auf den Wecker, das Klingeln des Telefons, auf 'ne Antwort, auf 'nen Wegweiser, auf Inspiration. Man tut es so oft und merkt es oft nicht. Die Zeit scheint zu stoppen, der Planet Erde stillzustehen. Im eigenen Kosmos bewegt sich nichts, doch drum herum scheint alles noch schneller zu gehen. Es gibt kein Vor und Zurück.
Jede Minute friert ein, der Takt des Lebens verändert sich. Jeder Laut wird lauter, und der eigene Blick verengt sich. Details werden sichtbar, man schweift hin und her. Doch am Ende fällt der Blick immer wieder auf dieselben Dinge zurück. Es wiederholt sich das gleiche, als spule die Zeit zurück.

Mal ist das Warten erträglicher, mal kaum mehr aushaltbar. Mal ist es Vorfreude, mal Sehnsucht, mal undefinierbar.

Die Gedanken verwischen.

Der Streifzug führt uns weiter, in einen anderen Raum und eine andere Zeit.

Man treibt im Meer der Gedanken und versucht nicht unterzugehen. Man diskutiert mit sich selber, um endlich wieder Land zu sehen. Die Gedanken zerfallen in Bruchstücke, ihre Statik verwandelt sich. Das Gerüst sackt zusammen, bis schließlich der Gedanke zerbricht.
Für einen Augenblick ist er weggeschoben und scheint überstanden zu sein. Wir hangeln uns zum nächsten, wie an 'nem Klettergerüst. Die nächste Sprosse ist erreicht, und man merkt - das bringt doch nichts.

Die Komplexität der Sehnsüchte eines Menschen besteht nur für einen selbst und ist für keinen anderen wahrnehmbar. Ist es die Ruhe im Innern oder Geborgenheit, sind es Menschen, Orte oder die Sehnsucht nach einer ganz bestimmten Zeit. Denkt man darüber nach kann es eigentlich alles sein.
Die Gedanken werden idealisiert und mehr mehr unantastbar. Sie sind perfekt und autonom, doch leider nicht greifbar. Die Autonomie des eigenen Denkens verselbständigt sich, die Gedanken werden zur Utopie - wir merken es nicht.

"Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt."

Die Welt dreht sich weiter, ihre Ordnung wird nicht durchbrochen. Die Zirkulation bleibt bestehen, wir können sie nicht stoppen. Alles verzerrt sich.

Was bleibt ist der Wunsch nach innerer Ruhe – kein Kopfmühlen und Zeitspulen mehr.

Es scheint sich nichts verändert, nichts entwickelt zu haben. Man tritt wieder in Verhandlung mit sich selbst, versucht sich zu überzeugen einen neuen Weg einzuschlagen.

Der erste Gedanke wieder angestoßen wie ein Dominostein, löst aus den zweiten, den dritten, es scheint nicht mehr aufhaltbar zu sein. Der Kontrollverlust setzt ein.

Das Hier und Jetzt verloren, sich den Gedanken verweigern zum eigenen Schutz.
Zurück in der Realität, auf dem Boden wieder angekommen. Klebe ich wieder fest in der Gegenwart und bin noch ganz benommen - vom freien Fall.

Aber - die Kopfmühlen mahlen weiter, es scheint kein Ende in Sicht. Die Zeit lässt mich hoffen, doch wartet sie nicht. "